In der Identitätskrise

    geschrieben am 10. Januar 2010
Kategorie/n: Charaktere » Ein Kommentar

Vor ca. drei Monaten fuhr ich mit meinen Freunden in die Berge. Dabei war auch ein Mädchen, dass ich zuvor nicht kannte. Schnell stellte sich heraus, dass sie genau die Art von Mädchen ist, die ich überhaupt nicht leiden konnte. Wenn man morgens mit ihr beim Zähneputzen stand, redete sie, wenn man im Liegestuhl lag, sich sonnte und die Ruhe genießen wollte, redete sie und wenn man sich gerade mit jemand anderem unterhielt, redete sie wieder. Das Problem daran: Die meiste Zeit redete sie über sich selbst; über ihre Zukunft und über ihr ach so tolles Austauschjahr in die USA.

Auch wenn sie nett und immer darum bemüht ist, freundlich zu sein, kann ich sie nicht leiden. Dafür geht sie mir viel zu sehr auf die Nerven. An sich wäre das ja kein Ding. Es gibt viele Menschen, die ich nicht leiden kann. Einer mehr oder weniger, kratzt mich überhaupt nicht. Allerdings besitzt dieses Mädchen etwas, was mir die Begegnung mit ihr vollkommen kaputt gemacht hat. Gerade deswegen wünsche ich mir so manches Mal, ich hätte sie nie getroffen.

Der Name

Kennt ihr das? Wenn ihr jemanden nicht mögt und jemanden kennen lernt, der genau den selben Namen trägt wie die Person, die ihr nicht leiden könnt, dann seit ihr automatisch voreingenommen und vielleicht werdet ihr diese Person auch nie richtig mögen können – obwohl sie eigentlich gar nichts dafür kann.

Genau dieses Problem habe ich gerade mit meiner Protagonistin: Dieses Mädchen und sie tragen den selben Namen.

Bevor ich sie kennen lernte, fand ich den Namen richtig toll. Ich musste gar nicht auf Namenssuche für meine Protagonistin gehen, sondern wusste sofort, der musste es sein! Der Name passte zu ihr, war nicht abgehoben und nicht allzu vergriffen. Die Gefahr, dass ich mal jemanden mit diesem Namen kennen lernen würde, war also auch nicht sehr groß.

Doch jetzt sehe ich meine Protagonistin an und fühle mich mit ihrem Namen irgendwie nicht mehr wohl. Es beginnt sogar schon, dass er mir nicht mehr gefällt.

Kein Problem, denk dir einen anderen aus!

Kurz habe ich auch mit diesem Gedanken gespielt, ihn allerdings schnell wieder verworfen. Dieser Name ist Teil der Identität meiner Protagonistin. Sie trägt ihn bereits seit fast einem Jahr und hat schon viele Hürden als die Frau, die sie unter diesem Namen ist, überwunden. Ich bin felsenfest der Meinung, dass, wenn sie z. B. Julia oder Sandra heißen würde, ihr Leben etwas anders verlaufen wäre.

Quatsch, so ein kleines Detail ist doch vollkommen austauschbar!

Nein, für mich ist es das nicht. Wir haben Bilder im Kopf, wenn wir Namen hören. Ich habe ein komplett anderes Bild von einer Julia und wiederum ein anderes von einer Sandra, das sich dann ebenfalls von meinem Bild einer Katharina unterscheidet.

Würde ich meine Protagonistin jetzt umbenennen, würde mich das automatisch wieder in diese Situation bringen, dass ich meine Geschichte komplett über Board werfe und erneut von vorne beginnen würde, weil mir für sie dann eine vollkommen neue Identität vorschwebt und sich auch ihr Charakter verändert. Ich fühle mich nicht unbedingt wohl, wenn ich an dieses Mädchen und an meine Protagonistin denke, allerdings noch unwohler bei dem Gedanken, sie könnte anders heißen, weil ich sie, ihren Weg und ihre Zukunft bereits in- und auswendig kenne.

Vielleicht kommt es auf einen Versuch an …

… und ich würde gar nicht von vorne beginnen?

Nein, das tue ich mit Sicherheit. Ich kann nämlich aus Erfahrung sprechen:

Mein männlicher Protagonist

Hat einen wahrhaft perfekten Namen. Kein Mann der Welt könnte ihn mir zerstören, dessen bin ich mir sicher. Allerdings hatte er diesen perfekten Namen nicht von Anfang an.

Was Namen betrifft, bin ich unglaublich einfallslos. Es dauert ewig, bis mich die Erleuchtung trifft. Als ich mit meiner Geschichte begann, war sein Name – jetzt ist mir das sogar peinlich zuzugeben – eine vorrübergehende Notlösung.

Ich begann also mit meiner Notlösung, war schon recht weit gekommen und – Ha! Da war er: Der perfekte Name für ihn. Doch als ich ihm meinen perfekten Namen gab, stimmte nichts mehr.

Ich begriff: Nicht nur sein Name war einfallslos gewesen, sondern auch der Charaktere an sich und ich begann ihn, in einem vollkommen neuen Licht zu sehen. Nichts was er tat machte Sinn. Er war z. B. auf meine Protagonistin wütend, obwohl es keinen konkreten Grund dafür gab.

Mit dem perfekten Namen änderte sich alles. Mit der Umbenennung begann ich gleichzeitig die Geschichte zu korrigieren und sogar meinen Plot umzustellen. Natürlich bereue ich das keineswegs, aber ich hätte mir viel Zeit und Ärger erspart und ich wäre schon von Anfang an auf dem richtigen Weg gewesen, wenn ich mir Zeit für meinen perfekten Namen gelassen hätte.

Lernen, damit zu leben

Eigentlich trägt meine Protagonistin auch ihren perfekten Namen. Selbst wenn ich hin und wieder an dieses Mädchen denke und mich über die Namensgleichheit ärgere, fühlte ich, dass er immer noch richtig ist, wenn ich mir ansehe, wo ich mich befinde und welchen Weg sie bereits hinter sich gebracht hat. Es ist der richtige Weg, weil – seitdem die Sache mit den Namen stimmig ist – keine großen Hindernisse mehr darin liegen. Zumindest sehe ich bis jetzt noch keine neuen Probleme.

Immerhin könnte ich auch dasitzen und meinen Namen mit jeder Silbe zerpflücken. Würde ich das eine ganze Stunde machen, würde ich meinen Namen auch nicht mehr mögen und mit dem muss ich immerhin leben. Deswegen versuche ich dieses Mädchen vollkommen auszublenden. Meine Protagonistin ist toll, so wie sie ist.

 


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